„Und jede Neuerung ist Irreführung“ – Neosalafismus im Fokus bekenntnisorientierter Präventionsarbeit – Eine inhaltliche Zusammenfassung

 

„Fortbildung für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren“

 

Am Wochenende des 10. und 11. November 2018 trafen die Teammitglieder des Al-Etidal Projektes im LIDICE Haus mit Multiplikatoren aus der Jugendhilfe, Schule und politischen Bildung zusammen, um gemeinsam voneinander zu lernen. Ziel war es, die Lebenswelt muslimischer Jugendlicher in Deutschland und die Problemfelder Islamismus und Salafismus aus einer islamtheologischen Perspektive zu beleuchten, um so neue Blickwinkel zu gesellschaftsrelevanten Themen zu schaffen.

Modul 1: „Religion als Faktor pädagogischer Praxis“
In gemeinsamem Austausch zwischen den Teammitgliedern und den Multiplikatoren wurde die Lebenswelt junger Muslime diskutiert und analysiert. Dabei wurde festgestellt, dass die Dichotomie zwischen muslimischer Glaubenspraxis und säkularer Öffentlichkeit sich u.a. in der ideologischen Aufladung religiöser Inhalte niederschlagen kann. In diesem Sinne wurden fundamentalistische Haltungen christlicher oder muslimischer Jugendlicher auch nicht als notwendige Konsequenzen gelebter Religiosität, sondern als Nebenprodukt eines anhaltenden Säkularisierungsprozesses erkannt.

Entsprechende Informationen können bei der pädagogischen Arbeit mit Jugendlichen behilflich sein, deren Selbstwahrnehmung kritisch zu reflektieren und ideologisch aufgeladene Machtansprüche dekonstruieren zu können. Um individuellen Ideologisierungs- und Radikalisierungsprozessen effektiv entgegenzuwirken, mag ferner daraufhin gearbeitet werden, religiöse Jugendliche aktiv zur Mitgestaltung der Gesellschaft zu motivieren, um eine fortschreitende Isolierung so zu unterbinden.

Modul 2: „Muḥammad ibn ʿAbd al-Wahhāb und das Streben nach Eindeutigkeit“
Die Multiplikatoren arbeiteten gemeinsam zur Frühgeschichte des Islam und wurden mit grundlegenden Begriffen der islamischen Geistesgeschichte vertraut gemacht, welche für die pädagogische Auseinandersetzung mit den Phänomenen Salafismus und Islamismus notwendig sind. Hernach wurde der historisch-ideologisch Ursprung des Salafismus im 18. Jahrhundert skizziert und auf dessen Verhältnis zum klassisch sunnitischen oder schiitischen Islam eingegangen.

Dabei wurde ferner deutlich, dass der Salafismus sich vor allem in seinem Streben nach Eindeutigkeit und in seiner Ablehnung von Ambiguität von einem traditionellen Islamverständnis abgrenzt. Der Salafismus bestrebt daher die aggressive „Reinigung“ der Religion, sowie die Wiederherstellung eines einheitlichen „Ur-Islam“ und begreift große Teile der muslimischen Geistesgeschichte als verdorben und dekadent. Zentrale Begriffe der islamischen Theologie wurden durch frühe Salafisten zum Teil derart radikal neu definiert, dass diese andersdenkende Muslime weitgehend als Abtrünnige verunglimpften und Gewalt gegen diese als legitim erachteten.

Die inhaltliche und historische Eingrenzung des Salafismus ist für die pädagogische Auseinandersetzung mit dem Salafismus insofern wichtig, als dass sie Multiplikatoren in die Lage versetzt, anhand von Ausdrucksweisen zwischen Tradition und Ideologie zu differenzieren.

Modul 3: „Ambiguität als notwendiges Resultat menschlicher Sprache“
Die Multiplikatoren wurden gebeten, Mehrdeutigkeit anhand exemplarischer Passagen der islamischen Traditionsliteratur zu erproben. Im gemeinsamen Austausch miteinander wurde deutlich, wie der Salafismus sein erzkonservatives Frauenbild gezielt durch das selektive Zitieren der Quellentexte konstruiert. Praktisch wurde durch dieses Beispiel u.a. ersichtlich, dass erhobene Deutungsansprüche über „den Islam“ durch das einfache Zitieren von Koranpassagen in der Regel Trugschlüsse sind und der Koran dementsprechend nur zur posthumen Legitimation ohnehin schon bestehender Überzeugungen herangezogen wird.
Zwischen dem Leser und den Quellentexten steht aus klassischer Perspektive daher die „Tradition“, bzw. die Gelehrtenkultur der muslimischen Welt, welche mit einer erprobten Methodik versucht, den Koran zeitgenössisch zu kontextualisieren. Dieses Muster soll ferner gewährleisten, Religion als ein dynamisches Phänomen zu erleben und den ethischen Grundsätzen des Korans verschiedene Manifestationen ermöglichen.

Modul 4: „Salafistische Mission in Deutschland“
Die Multiplikatoren wurden gebeten, dem fiktiven Tagebucheintrag einer jungen Muslimin in Deutschland zuzuhören, die über Umwege in die salafistische Szene gerät. In gemeinsamer Arbeit erarbeiteten die Multiplikatoren ein passendes Ende der Erzählung und diskutierten ihre Ergebnisse miteinander. Im gemeinsamen Vergleich wurde dabei vor allem auf die Indikatoren und Beweggründe eingegangen, die einen jungen Menschen schrittweise in ein radikales Umfeld abrutschen lassen.

Anschließend wurde den Multiplikatoren der Videobeitrag einer salafistischen Gemeinde vorgeführt, welcher von den Teilnehmenden gemeinschaftlich untersucht und dekonstruiert werden sollte. Auf technischer Ebene stachen vor allem die professionelle Kameraführung, sowie Beleuchtung und die Multiethnizität der Protagonisten hervor. Inhaltlich inszenierte die Vereinsmitglieder sich als aktive Vorkämpfer einer „islamischen Wahrheit“ welche gegen „Satan“ und dessen Intrigen zu Felde zieht. Muslimische Jugendliche wurden ferner dazu angeregt, sich dem Verein in ihrer Mission anzuschließen, um so ihren „religiösen Pflichten“ nachzukommen.

Als zentrale Elemente salafistischer Mission wurden daher vor allem ein nach „Freund“ und „Feind“ kategorisiertes Weltbild und der Wunsch, sich durch die eigene Teilnahme an religiös aufgeladenen Protestaktionen gegen eben jene Feind zu verwirklichen.


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