Sozialarbeit soll Salafisten stoppen

Jan Oppel 17.11.2016

Einen Tag nach der bundesweiten Razzia gegen Anhänger der Salafistengruppe „Die wahre Religion“ fordert die Linke in der Bremischen Bürgerschaft mehr Mittel für Präventionsprojekte und Beratungsangebote.

Das „Islamische Kulturzentrum Bremen e.V.“ am Breitenweg ist nach Auffassung des Bremer Verfassungsschutzes Treffpunkt der Salafisten. (dpa)

Die Sicherheitsbehörden hatten im kleinsten Bundesland vier Verbotsverfügungen vollstreckt und Geschäftsräume in Bremerhaven durchsucht. „Die wahre Religion“ wurde bundesweit verboten. Damit sei die Arbeit aber noch lange nicht getan, meint Cindi Tuncel, migrations- und jugendpolitischer Sprecher der Fraktion die Linke.

„Viele Eltern und Lehrer finden noch immer keine ausreichende Unterstützung, wenn sich in ihrem Umfeld Kinder und Jugendliche dem Salafismus zuwenden“, sagt Tuncel. In vielen Stadtteilen propagieren Salafisten ihre gewalttätige Auslegung des Islams auf offener Straße – sogar vor Jugendzentren. Das kann der Streetworker David Aufsess von der Initiative Jamil nur bestätigen.

In Walle, Gröpelingen und Tenever, aber auch in anderen Stadtteilen würden Salafisten offensiv an Jugendliche herantreten. „Eltern sind meist die Ersten, die merken, dass mit ihren Kindern etwas nicht stimmt“, sagt Aufsess. Das Jamil-Team versuche, den Familien zu helfen, sei aber auch in Schulen und auf der Straße als Ansprechpartner vor Ort. Am Mittwoch stellte Aufsess die Arbeit von Jamil im Rahmen einer Sitzung des Präventionsrats Bremen West vor.

Präventionsarbeit durch den Verein Vaja 

„Wir sind keine Salafismusfeuerwehr“, sagt Aufsess. Es gehe ihm und seinen Kollegen vielmehr darum, einen Zugang zu den Jugendlichen zu bekommen, der sich an deren individuellen Beziehungs- und Lebenswelten orientiere. Das Projekt Jugendarbeit in muslimischen und interkulturellen Lebenswelten, kurz Jamil, wurde 2015 vom Verein Vaja gestartet und wird vom Bundesprogramm Demokratie Leben finanziert.

Kitab ist ein weiteres Projekt unter dem Dach von Vaja. Das Beratungsnetzwerk will Angehörige und Betroffene zum Thema Islamismus unterstützen. Die Förderung von Kitab durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, kurz Bamf, läuft zum Ende des Jahres aus – obwohl die Initiative völlig überlaufen ist. „Das hat uns sehr überrascht“, sagt Bernd Schneider, Sprecher der Sozialbehörde. Ab dem 1. Januar 2017 wird das Projekt von der Stadtgemeinde Bremen mit 120.000 Euro finanziert und zugleich auf zwei volle Stellen ausgebaut. Bisher hatte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge das Angebot im Umfang von 45 Stunden finanziert.

Zahl der Salafisten stagniert in Bremen

Anders als in anderen Bundesländern ist die Zahl der Salafisten in Bremen seit mehreren Jahren nicht gestiegen. Die Sicherheitsbehörden führen diesen Umstand auch auf die intensive Präventionsarbeit im Land zurück. Jamil und Kitab sind nicht die einzigen Angebote. Die Schura, der Dachverband islamischer Gemeinschaften in Bremen, ist im November 2015 mit dem Projekt „Pro Islam – gegen Radikalisierung und Extremismus – Al-Etidal“ in die Präventionsarbeit eingestiegen. Das Projekt wird über das Programm „Demokratie leben!“ des Bundesfamilienministeriums gefördert.

Bassam El-Choura von Pro Islam war ebenfalls bei der Sitzung des Präventionsrats Bremen West zu Gast. „Muslime leisten in den Moscheegemeinden seit vielen Jahren Präventionsarbeit in Bremen“, sagt er. Extremismus sei in erster Linie außerhalb der Gemeinden verbreitet. „Die radikale Szene ist vor allem im Internet sehr aktiv“, sagt El-Choura. Radikalen Strömungen wollen sich er und seine Kollegen mit Aufklärung an Moscheen, an Schulen und im Stadtteil entgegenstellen und die Jugendliche zu einem friedlichen Miteinander animieren.

Salafismus in Bremen

Bremen gilt als Hochburg des militanten Islamismus und Salafismus: Seit Anfang 2014 sind mindestens 26 Erwachsene und Jugendliche in Richtung Irak oder Syrien ausgereist, um sich der Terrormiliz Daesch anzuschließen. Laut Innenbehörde gibt es etwa 360 Salafisten in Bremen. Bundesweit sind es mehr als 9200. Nach Auffassung des Bremer Verfassungsschutzes ist das „Islamische Kulturzentrum Bremen e.V.“ (IKZ) am Breitenweg ein Treffpunkt der Szene.

In den vergangenen Jahren hielten dort salafistische Referenten aus Saudi-Arabien und Deutschland regelmäßig Vorträge. Der Verein „Kultur & Familien Verein“ (KuF) in Gröpelingen wurde von Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) 2014 verboten. Der Verein stand im Verdacht, Terrorkämpfer für den Einsatz in Syrien rekrutiert zu haben. Die KuF-Nachfolgeorganisation „Islamischer Förderverein Bremen“ wurde ebenfalls verboten.