Radikalisierung von Jugendlichen (Weser-Kurier)

Salafismus auf dem Schulhof – Experten geben Tipps zur Prävention

Jan Oppel 20.11.2016

Bremen gilt als eine Hochburg des Salafismus in Deutschland. Gerade deswegen ist die Frage danach, wie man solchen Entwicklungen bereits im Jugendalter vorbeugen kann, so wichtig. 

Weser-Kurier_Salafismus

Fortbildung Islamismus Radikalisierung – Konrad-Adenauer-Stiftung (Christina Kuhaupt)

Bremen gilt als eine Hochburg des Salafismus in Deutschland. 360 Personen umfasst die Szene, sagen Experten. Die Zahl der Anhänger pro Einwohner ist im kleinsten Bundesland besonders hoch: 55 Salafisten kommen auf 100 000 Bürger. Seit Anfang 2014 sind mindestens 26 Personen aus dem Bundesland Bremen in den Irak und nach Syrien gereist, um sich dort der Terrormiliz Daesch anzuschließen – darunter auch Jugendliche.

Immer häufiger stellt sich seitdem die Frage, wie man solchen Entwicklungen vorbeugen kann. Welche Anzeichen deuten auf eine Radikalisierung hin? Was verleitet junge Menschen, sich islamistischen Strömungen anzuschließen? Und wie können Lehrer ihre Schüler vor einer Radikalisierung bewahren? Mit diesen Fragen befasste sich am Sonnabend ein Workshop der Konrad-Adenauer-Stiftung.

„Die Jugendlichen suchen meist ein Projekt, in dem sie sich neu erfinden können“, sagt Behnam T. Said vom Landesamt für Verfassungsschutz in Hamburg. Said sieht den Salafismus auch als eine Art Jugendkultur: Er spreche vor allem junge Menschen auf Identitätssuche an. Der Experte empfiehlt Lehrern, nach den Hintergründen dieser Sinnsuche zu forschen und emotionale Reaktionen auf mögliche Radikalisierungen zu vermeiden. „Argumentieren Sie nicht mit dem Koran in der Hand“, sagt Said. „Bleiben Sie in dem Rahmen, in dem Sie sich auskennen.“

Ausgrenzungserfahrungen fördern Radikalisierungsprozesse

Diese Auffassung teilt der Islam- und Sozialwissenschaftler Götz Nordbruch. Er rät den Lehrern: „Suchen Sie nach Dingen, für die sich die Jugendlichen noch interessieren.“ Beispielsweise ließen sich über die Hobbys der Schüler leichter Zugänge schaffen, als im theologischen Streitgespräch.

Wie vielschichtig die Interessen der Jugendlichen oft gelagert sind, zeigt Behnam Said an einem Facebook-Profil: Dem jungen Nutzer gefällt die Seite eines Taliban-Anführers, aber auch die des Schauspielers Bruce Lee oder die einer bekannten Sportmarke. „Das sind teilweise extrem krude Mischungen“, sagt Said. Die Facebookprofile zeigten, dass viele Jugendlichen längst nicht so konsequent seien, wie es die salafistischen Ideologen vorgeben würden.

Die Ursachen, aufgrund derer sich Jugendliche dem Salafismus zuwenden, sind vielschichtig. Einige Muster lassen sich aber doch erkennen. „Vielen fällt es zum Beispiel schwer, die eigene Familiengeschichte als Teil der deutschen Gesellschaft zu verstehen“, sagt Nordbruch. Lehrer sollten den Jugendlichen daher klarmachen, dass sie sehr wohl zur deutschen Gesellschaft gehören. Auf diese Weise ließen sich Ausgrenzungserfahrungen vorbeugen, die später zu einer Radikalisierung der jungen Menschen führen könnten.

Begegnung auf Augenhöhe zwischen Lehrern und Schülern

Der Salafismus ist vielschichtig und hat für Jugendliche auch einen anderen Reiz: Provokation. „Wenn Sie als Schülerin mit einem neuen Piercing aus den Sommerferien kommen, interessiert das heute niemanden mehr“, sagt Nordbruch. „Wenn Sie sich aber voll verschleiern, sieht das ganz anders aus.“

Nordbruch warnt vor Vorurteilen: „Wenn sich jemand als stolzer Muslim präsentiert, ist das zunächst einmal völlig legitim.“ Wichtig sei es, rote Linien zu identifizieren, bei denen es problematisch werde. Wenn die Jugendlichen etwa mit Verweis auf ihren Glauben andere ausgrenzen, abwerten oder missionieren wollten, erfordere das vonseiten der Lehrer einen Widerspruch, so Nordbruch.

Kämen die Pädagogen bei den Schülern nicht weiter, sollten sie sich im Kollegium besprechen oder sich bei Initiativen und Behörden Hilfe bei der Prävention holen, raten die Experten. Lehrer sollten den Kindern und Jugendlichen auf Augenhöhe begegnen und eine Exotisierung der Muslime vermeiden, empfiehlt Said. „Wichtig ist, dass Sie ihre religiöse Brille abnehmen“, sagt Said. „Wenn ihnen jemand ein IS-Propagandavideo auf seinem Smartphone zeigt, fragen Sie sich einfach, was Sie tun würden, wenn das Video von der NPD wäre.“

Angebote zur Salafismus-Prävention

Das Projekt Jamil (Jugendarbeit in muslimischen und interkulturellen Lebenswelten) wurde im Jahr 2015 vom Verein Vaja gestartet und wird vom Bundesprogramm „Demokratie leben!“ finanziert. Das Jamil-Team hilft betroffenen Familien in Bremen, die Mitarbeiter sind aber auch in Schulen und auf der Straße als Ansprechpartner vor Ort: vaja-bremen.de/teams/jamil

Kitab ist ein weiteres Projekt unter dem Dach von Vaja. Das Bremer Beratungsnetzwerk will Angehörige und Betroffene zum Thema Islamismus unterstützen. Weitere Informationen im Internet unter vaja-bremen.de/teams/kitab

Die Schura, der Dachverband islamischer Gemeinschaften in Bremen, ist im November vergangenen Jahres mit dem Projekt „Pro Islam – gegen Radikalisierung und Extremismus – Al-Etidal“ in die Präventionsarbeit eingestiegen. Das Projekt wird durch das Bundesfamilienministerium gefördert: www.schurabremen.de

Ufuq versteht sich als überregionale Plattform für Pädagogik zwischen Islam, Islamfeindlichkeit und Islamismus. Der Verein bietet Fortbildungen für verschiedene Zielgruppen sowie ein Internetportal für Informationen an: www.ufuq.de

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